Gute Plätze zum Leben und Sterben

Lieber Cito

Herzlichen Dank für den schönen Beitrag, der meine Gedanken tief anregt und Erinnerungen aufsteigen lässt. Folgende Erinnerung ist aufgetaucht und ich bin nicht sicher, ob ich dir diese Geschichte schon mal erzählt habe. Wahrscheinlich schon, bei einem unserer Golzern Streifzüge, vielleicht sogar dort vor Ort am See. Dort kommt diese Geschichte her und dort gehört sie hin. Weil das Thema der guten Plätze zum Leben und zum Sterben omnipräsent ist, kommt sie hier angereichert mit ein paar weiterführenden Gedanken noch in gedruckter Version als Brief-Blog zu dir ;-).

Im Sommer 2015 bin ich an einem heissen Tag vom kühlen Talgrund des Maderanertals wo der Chärstelenbach rauscht hoch zur Alp Golzern gestiegen. Oben beim See waren die einheimischen Bauern am «iträägä». Sie holten das von der Sonne getrocknete, wunderbar duftende Heu von der Wiese und versorgten es in die Ställe, um es dann im Spätherbst den Kühen zu verfüttern. Zufällig traf ich am See meine Mutter und sie erzählte mir, dass der Walter im Sterben liege. Walter war so etwas wie der Dorfälteste der Golzner. Ein Bauer der sich ein Leben lang für Mensch, Tier, Landschaft und Infrastruktur auf der Alp Golzern engagiert hat. « Er ist dort beim Häuschen am See gebettet und er hätte sicher Freude, wenn du ihn besuchst.» So meine Mutter.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl machte ich mich auf den Weg zu dem im Sterben liegenden Mann. Man hatte ihn beim letzten Häuschen am Rande des Weilers mit Blick auf See und Berge auf die Sitzbank gebettet. Als ich mich dem Häuschen näherte, sah ich, dass er alleine war. Er lag mit geschlossenen Augen auf der Bank und ich grüsste ihn mit leiser Stimme. Als er nicht reagierte, setzte ich mich auf den Stuhl der gleich neben der Bank stand und grüsste ihn nochmals. Er drehte langsam den Kopf und schaute mich an. Seine kristallklaren, blauen Augen hatten sich bereits hinter einen sanften Schleier zurückgezogen. Ich bemerkte, dass er mich nicht erkannte, so habe ich ihm gesagt, wer ich bin. «Das freut mich, dass du mich in meinen letzten Stunden besuchen kommst», sagte er in seiner unverkennbaren Freundlichkeit und aus seinem alten, faltigen Gesicht strahlte ein Lächeln. Ich wusste nicht was antworten und lächelte zurück.

Mit sterbenden Menschen habe ich bis anhin wenig Erfahrung. Was mir immer wieder begegnet sind tote Tiere. Gerade in letzter Zeit beschäftigen mich tote Vögel. Sie begegnen mir hier an meinem Wohnort am See, im Park, auf den Wegen im Wald. In diesen Begegnungen steckt eine besondere Atmosphäre. Es gibt das Bedauern, oder gar ein Betrauern und es gibt einen Impuls, diesen Tierkörper an einen ruhigen Ort zu bringen. Interessanterweise ist der Impuls bei den Vögeln, sie an einem geschützten Ort zu begraben. Warum ich das so empfinde, weiss ich nicht. Du hast ja geschrieben Cito: «das Leben und das Sterben sind eben komplex.»

Vor ein paar Tagen, habe ich dieses Phänomen der toten Vögel mit Sabina besprochen. Ihr ist die Forschung rund um Tierbegegnungen ein tiefes Bedürfnis. Sie erzählte mir ihre Erfahrungen mit toten Fröschen, die sich im Elektrozaun des Nachbarn verheddern und dort verenden. «Ich muss dort mit diesen Fröschen nichts tun. Vielleicht geht es nur um eine Zeuginnenschaft. Ich gehe hin, lege eine Blume hin und schaue hin.»

Ich halte dem Walter meine Hand hin und er legt die seine in meine hinein. «Ich kann jetzt gut gehen. Ich weiss, dass es weiter geht. Und das ist gut so.» Er dreht den Kopf und schaut auf die Menschen, seine Familie und viele andere helfenden Hände, die auf der Seematte das getrocknete Heu zusammenrechen und auf die Wagen verladen.
Walter ist in der folgenden Nacht friedlich eingeschlafen.
Diese Begegnung hat mich beseelt und sie kommt mir, wenn ich dort um diesen See streife, immer mal wieder in den Sinn. Verbunden mit einem tiefen Vertrauen. Ganz im Sinne von Walters Satz: «Ich weiss, dass es weiter geht. Und das ist gut so.»

In deinem Buch «Urmensch Feuer Kochen» beschreibst du ein mögliches postmodernes, postkapitalistisches, postpatriarchales Zukunftsszenario aus dem Jahr 3000. Unter anderem schreibst du dort: »Der Tod hat seinen Schrecken verloren, weil jeder das Recht auf Sterben durch Einschlafen hat und weil das Leben auf der anderen Seite, auch wenn wiedergeboren auf der Erde, in jedem Fall ein paradiesisches ist.»
Das wünsche ich uns allen. Fischen, Vögeln und all den anderen unglaublich vielfältigen Lebewesen auf diesem wunderbaren Planeten.

Ich freue mich, kann ich mich gemeinsam mit dir Cito, mit Habiba und dem sympoi Kollegium um Fragen der sicheren und schönen Plätze für ein gutes Leben, in dem das Sterben dazu gehört, engagieren. Da gibt es viel zu tun! Wir bleiben dran ;-).