angenommen.....

Das Foto vom See-Elefanten zierte vor vielen Jahren eine Jahreskarte von uns mit der Überschrift «Angenommen,...».
Der Begriff hatte eine doppelte Bedeutung. Die eine ist eine Anspielung auf die in der systemischen Beratung häufig gebrauchte Formulierung, um neue Denkweisen oder Möglichkeiten anzuregen: Angenommen, es wäre ein Wunder geschehen... 
Die andere Bedeutung ist der ökosystemische Grundsatz eines «Angenommen-Seins» auf dieser Erde.

Die Begegnung und das Foto vom See-Elefanten sind mir vor langer Zeit in Patagonien geschehen. Heute berührt eine andere Geschichte eines grossen Meeresäugers; die um den inzwischen verstorbenen Buckelwal namens Timmy erinnert mich auch an eine Szene in Indien an den Ghats in Varanasi. Ich schaute zu, wie eine Touristin einem am Boden liegenden Greis Milch in den Mund träufelte. Auf den ersten Blick eine humanitäre Hilfeleistung in der Annahme, es handle sich um einen Verhungernden. Aber angesichts der Tatsache, dass es ein grosser Wunsch jedes frommen Hindus ist, am heiligen Fluss Ganges sterben zu können, überkommen einem Zweifel an der «guten Tat». Das Leben und das Sterben sind eben komplex.

Dieselben Zweifel überkommen nicht nur mich, sondern viele Menschen beim medialen Grossereignis Timmy. Für Meeresbiologen wie Ralf Sonntag war der Tod des Tieres nur eine Frage der Zeit, lesen wir in der digitalen Tagesschau. "Es ging jetzt schneller, als manche gedacht haben, aber das Tier hat wochenlang heftigsten Stress erlebt. Es wurde an ihm rumgezerrt, er wurde vom Sand gezogen, er wurde in eine Barke reingedrückt und so weiter. Also er hatte sehr viel Stress und war verletzt“

Ja lieber Timmy, angenommen, wir Menschen fürchten uns vor dem Tod und versuchen deshalb dich mit allen Mitteln zu retten? Als Mensch hätte dich vielleicht eine Patientenverfügung vor einem langen Leiden bewahrt. Angenommen, hinter dem verzweifelten Rettungsversuch liegt ein Schuldgefühl, weil sich das grosse Tier zu Beginn seiner letzten Odysee in einem Fischernetz der Menschen verfangen hat?
Angenommen wir wären dir noch ganz anders begegnet, wie beispielsweise Morten Abildstrøm von der örtlichen Naturschutzbehörde, wo der tote Timmy gefunden wurde, der sagt "Wir verfolgen hier in Dänemark die Politik, der Natur ihren Lauf zu lassen. Ich verstehe, dass es schwer ist, ein riesiges Tier sterben zu sehen. Aber das ist die Entscheidung, die wir hier in Dänemark getroffen haben."

Und angenommen, du hättest dich vielleicht auch nur einfach zeigen wollen?