Mit dem Beginn des Holozäns vor 12‘000 Jahren endete die Kaltzeit, die Gletscher begannen sich zurückzuziehen, Flora und Fauna breiteten sich aus und im Zuge des wärmer werdenden Klimas mit einem wachsenden Nahrungsangebot an Wild, Fisch und Veganem wie Honig und Haselnüsse kamen auch die Sapiens in diese Regionen. Ihre bevorzugten Wohnlagen waren nach Süden ausgerichtete Halbhöhlen in der Nähe von Gewässern.
Eine solche Halbhöhle besuchten wir vor einigen Jahren anlässlich einer Studienreise nach Sachsen-Anhalt. Die Menschen auf dem Bild sind Frauen und Männer aus verschiedenen Orten; einige aus der näheren Umgebung, andere von so weit wie Berlin oder die Zentralschweiz. Wir waren sicher nicht die ersten Menschen, welche diese Höhle beherbergte. Sie diente schon im Paläolithikum als Wohnstätte. Und wir können annehmen, dass diese Menschen auch hie und da Besuch von weither erhielten, und einzelne auch selbst auszogen, weit entfernte Bekannte zu besuchen.
Der Archäologe Urs Leuzinger und der Höhlenforscher Walter Imhof untersuchten im Auftrag der Kanton Schwyz systematische Halbhöhlen im Muotatal und stiessen auf Funde, die bis 12‘000 Jahre zurückreichen. Dabei zeigt sich auch Überraschendes: die Funde stammen nicht alle aus der Gegend, sondern auch aus weit entfernten Regionen wie dem Kleinwalsertal, dem Tessin und der Nordwestschweiz1). Die Forscher sagen nicht viel weiteres zu der Bedeutung dieser Funde, aber wir können annehmen, dass es sich um „paläolithisches Netzwerken“ handelte.
Das Reisemotiv der Überbringung eines Geschenks kennen wir von den Sammler-Jäger-Kulturen der San. Dieses Volk pflegt einen Brauch des Austauschs von »Nonfood-Präsenten« wie Schmuck oder Pfeilspitzen. Das nennt sich Xaro. Jeder San pflegt einen persönlichen Freundeskreis von durchschnittlich fünfzehn Xaro-Partnern. Die Ethnologin Polly Wiessner konnte miterleben, wie ein San, als in den Erzählungen am abendlichen Lagerfeuer einer seiner Xaro-Partner erwähnt wurde, so von Sehnsucht gepackt wurde, dass er noch in derselben Nacht aufgebrochen ist, jenen Menschen zu besuchen. Und sie hat in ihren Forschungen festgestellt, dass die Wohndistanzen der Xaropartner zwischen 30 und 200 Kilometer betragen konnten2).

In der modernen Welt verfügen wir heute über das grösste aller menschlichen Netzwerke, das Internet. Es kann alle Menschen dieses Planeten digital zusammenkommen lassen. Was es aber nicht kann, ist analoges Zusammensein zu gestalten.
Wir Menschen sind gerne mit anderen zusammen, berühren uns und lassen uns gemeinsam berühren; von schönen Landschaften, dem Blick aufs Meer, in die Berge, auf den Sonnenuntergang und in ein flackerndes Feuerchen. Wir singen gern zusammen und lieben es zu tanzen. Dabei ist unsere Veranlagung, eine bestimmte Anzahl analoger Freundschaften zu pflegen, genetisch festgelegt. Diese Anzahl nennt sich »Dunbar-Zahl«. Darunter versteht man die theoretische »kognitive Grenze« der Anzahl an Menschen, mit denen eine Einzelperson soziale Beziehungen unterhalten kann. Sie liegt bei durchschnittlich 150 und hängt mit der Gehirngrösse zusammen; bei den Schimpansen ist die Zahl sechzig3).
Wie Yuval Harari beschreibt, pflegen die Menschenaffen ihre Freundschaften über das gegenseitige Lausen. Die Menschen ihrerseits sind für das Aufrechterhalten ihres Beziehungsnetzes nicht mehr auf das Lausen angewiesen, seit sie über die komplexe Sprache verfügen, wodurch sie mittels Klatsch und Tratsch auch Nichtanwesende ins kommunikative Geschehen einbeziehen können. Harari spricht im Zusammenhang mit dieser Fähigkeit der Sapiens von der „Superpower“ 4).
Wer jeweils zu unseren 150 dazugehört, ist nicht fix. Wenn wir uns am Rosenhof als Natur-Dialog-Netzwerk treffen, sind wir unter uns Anwesenden für diese Zeit Freunde, während andere in den Hintergrund treten. Und wenn wir uns in der Natur mit unserem mehr als menschlichen Netzwerk – unseren Kin, um mit Donna Haraway zu sprechen – verbinden, sind es dann wieder andere. Allerdings sind es dann andere kommunikative Formen als Klatsch – Singen ist eine davon.
Auch Ahnen können zu unseren Kin gehören. Die Aufstellungsarbeit ist eine der Formen, mit ihnen in Kommunikation zu sein. Und wenn wir in einer Halbhöhle um ein Feuer sitzen, können wir in Resonanz kommen mit einem Kollektiv anzestraler Kräfte aus weit zurückliegender Vergangenheit der Menschheitsgeschichte.
Das ist also die Reichweite unseres menschlichen Vermögens, soziale, mehr-als-menschliche und anzestrale Netzwerke zu knüpfen und zu unterhalten.
1) Urs Leuzinger in Archäologisches Korrespondenzblatt, Heft 4, 2022
2) Hans-Peter Hufenus, “Urmensch – Feuer – Kochen”, AT Verlag, 2021
3) Robin Dunbar: “How Many Friends Does One Person Need? Harvard University Press, 2010.
4) Yuval Harari, “Eine kurze Geschichte der Menschheit”, 2011 und “Sapiens, der Aufstieg”, 2021