Der Roman "Gammler, Zen und hohe Berge" von Jack Kerouac beschreibt das Lebensgefühl der Beatniks der fünfziger Jahre, jener Vorboten der 68er-Bewegung, zu dem die Bluejeans einen Beitrag geleistet haben. Allerdings muss gesagt werden, dass die damaligen Jeans so steif waren, dass sie weder für den Lotussitz, noch für die Besteigung hoher Berge geeignet waren. Aber für’s Gammeln waren sie, nach einem Dutzend Waschdurchgängen, mehr als nur bequemes Kleidungsstück; sie waren Symbol der Abkehr vom «Schaffe, Schaffe, Häusle baue» und so wurden sie zum Gegenteil dessen, als was sie ursprünglich gedacht waren, nämlich eine Arbeitshose.
Als erste trugen diese Arbeitskleidung aus einem kräftigen, mit Indigo gefärbten Baumwollstoff Hafenarbeiter in Genua. Da Genua zu jener Zeit zu Frankreich gehörte, bekam sie den französischen Namen "Bleu de Gênes" (Blaue aus Genua) , der dann im Englischen zu "Blue Jeans" wurde. In Amerika verstärkte der Händler Levi Strauss die Nähte mit Nieten und verkaufte die Hose an die Goldgräber in San Francisco.
Als Arbeitskleidung ungeeignet angesehen wurden die Jeans in den frühen Jahren unserer Arbeitstätigkeit (damals noch Wildnisschule bzw. planoalto) mit der Begründung, dass sie bei Regen bzw. bei einer Kenterung viel Wasser aufnehmen, schlecht trocknen und weil es sich damit nicht bequem am Feuer sitzen lässt. Bei Sympoi gilt der Dresscode der Outdoor-Synthetica nicht, lieber Naturfaseriges, wozu die Jeans ja auch zählen.
Meine erste Bluejeans kaufte ich mir in der Gammlerzeit, damals noch in Kombination mit dem dazugehörenden Oberteil, «Jeansjäckli» genannt. Im verwaschenen Zustand war dieses ein rotes Tuch für viele. In meiner Heimatstadt St. Gallen gab es in einigen Restaurants dafür sogar ein Hausverbot. Im Wissen darum, dass solches rechtlich nicht haltbar war, wurden diese Lokale von uns Gammlern und den mit uns sich solidarisierenden anderen Gäste boykottiert. Angesichts der leerbleibenden Lokale entschlossen sich die Wirte schnell und stillschweigend zu einer Aufhebung des Verbots. Dies war eine meiner ersten aufrührerischen Aktionen meiner Jugend. Auch die Modebranche wehrte sich in jenen ersten Jahren noch gegen den sich anbahnenden Siegeszug der Bluejeans, aber auch hier wurde klein beigegeben; Bluejeans wurden – mal Röhrchenbeine, mal tiefsitzend, mal stonewashed – Mode und blieb es bis zum heutigen Tag. So auch bei mir, jahraus jahrein trug ich Jeans – mit wenigen Ausnahmen:
Vor einigen Jahre erfüllte ich mir den Wunsch, den Jakobsweg zu gehen. Allerdings nicht von zuhause nach Santiago de Compostella, sondern von dort zum Meer – den Heidenpfad, wie dieser Wegabschnitt dort genannt wird. Zusammen mit einem Freund erreichten wir die Ortschaft Muxía. Die letzten Schritte führten mich auf einen Felsen unmittelbar am Wasser. Und da kam die Welle: Unerwartet gross, knallte sie auf mich zu, sodass ich fast das Gleichgewicht verlor und völlig durchnässt wurde. Zurück in der Ortschaft, fand ich in einem Geschäft eine braune Leinenhose, die ich gleich anzog. Die tropfnasse Bluejeans legte ich auf einen Müllcontainer, sie mitzutragen war mir zu schwer. Wir hatten vor, die Küste entlang noch weiter zu wandern bis Fisterra.
Als wir eine Pause einlegten, kam ein Vagabund – so nennt man heute Gammler – auf uns zu. Wir kamen ins Gespräch, und ich erzählte ihm meine Geschichte mit der Welle und den nassen Hosen. Da grinste er übers ganze Gesicht und zog meine Jeans aus seinem Rucksack: Ist es diese? In Fisterra (Ende der Welt) beobachteten wir dann, dass dort viele Jakobspilger ihre Kleider verbrannten als Symbol für den Beginn eines neuen Lebens. Nun, meine Absicht war das nicht und so bin ich ganz froh, dass das Schicksal für mich anstelle der Verbrennung die Verwaschung gewählt hat.