Verwoben, aber nicht verschoben

Im Juni dieses Jahres trafen wir uns in der Lehrganggruppe „Lehrzyklus Elemente“ im Haus Rosenhof des Sympoi Instituts, wo die Teilnehmenden von ihrer individuell unternommenen „Erdreise“ berichteten. Erstaunt hat uns, dass ein Grossteil der Erdreisenden von ihren Grossmüttern berichteten. Entweder, weil deren Lebensorte auf ihrer Reise vorkamen oder der Geist der Grossmutter sich anderswie zeigte; einige erinnerten sich, dass ihre Grossmütter freiwillig aus dem Leben geschieden waren. Das brachte uns auf die Idee eines Ahnenfeuers.

Hier ein paar Ausschnitte aus einem Text, den Rosina Campiche, eine Teilnehmerin in Systemischer Naturtherapie und Beratung zu ihrer Erfahrung in diesem Modul verfasste

An den Wassern, im tiefen Wald hat sich vieles verdichtet. Alle waren sie da, die Geister der Grossmütter. Ihre Geschichten spukten herum. Wir tragen sie mit, auf unserem Rücken und im Herzen. Es ist Zeit. Zeit, ein Ahnenfeuer anzuzünden.
Wir haben ihnen zugehört. Mit ihnen getanzt, für sie gesungen. Das Wasser und das Feuer geehrt. Wir haben unseren Grossmüttern ihre Geschichten zurückgegeben. Wir wollen unsere eigenen leben.

Mit jedem Schritt, jedem Klang, jedem Windhauch ist die Ordnung wiederhergestellt worden. Alles hat sich da eingefügt, wo es hingehört. Die Geister haben sich beruhigt, die Seelen Frieden gefunden. So auch wir Enkelinnen.

Jede an ihrem Platz in der Reihe. Verwoben, aber nicht verschoben. Ich bin ich und du bist du. Ich trage dich in mir, jedoch nicht dein Leid. Ich trage dein Wissen weiter ins Leben. Wir tragen es weiter, unser Erbe. Stolz, ihre Enkelinnen zu sein.

Wenn wir im ökosystemischen Handeln die mehr-als-menschliche Welt einladen, kann sich ein Tor öffnen zu einer hilfreichen anderen Dimension. In unserem Fall öffnete sich das Tor zur Ahnenwelt, indem wir dem Feuer diese Bedeutung gegeben und es eingeladen haben, mitzuwirken.

Offenbar hat es bei vielen seine Wirkung getan; es hat abgeleitet, geklärt, gestärkt. Welche Kräfte hier mit im Spiel waren und was genau geschehen ist, lässt sich wohl nicht feststellen. Aber vielleicht sind - vergleichbar mit Wahrnehmungsphänomenen, die wir aus der systemischen Aufstellung kennen - zwischen den Einzelnen, der Gruppe, dem Feuer und dem Raum Bewegungen entstanden, die zu neuen Bezügen, Erfahrungen und Verbindungen geführt haben. Sodass sich «Verschobenes und unglücklich Verwobenes», seien es Gefühle, Wahrnehmungen oder Überzeugungen und Handlungsmuster zurechtgerückt haben.

Ohne zu wissen, dass dies ganz den afrikanischen Traditionen der Ahnenfeuer entspricht, haben die Teilnehmer:innen als unterstützende Handlung den Barfusstanz gewählt - eine archaischer Kultur der Verbindung.
Dass Unterbrechung von Verbindung zur Ahnenwelt nicht nur auf psychologischer Ebene Auswirkungen haben kann, sondern auch auf politischer, zeigt das traurige Beispiel der Ahnenfeuer der Herero. Sie wurden um 1900 von deutschen Missionaren in Namibia zum Erlöschen gebracht und nach dem Genozid durch die deutsche Kolonialmacht gänzlich verboten. Auch hier wurde Verwobenes zu Verschobenem, das immer noch nach Versöhnung sucht.